Landschaften für die Freiheit der Kunst.

„Seien wir Realisten, fordern wir das Unmögliche.“
Che Guevara

„(Ein Philosoph ist)… unzeitgemäß – das heißt gegen 
die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich 
zugunsten einer kommenden Zeit zu wirken.“
Friedrich Nietzsche

„Wir laufen Gefahr, daß uns eine neue Form offizieller Kunst angedreht wird – offizielle „moderne“ Kunst. 
Das geschieht durch gutwillige Leute, wie die der Pepsi Cola Company, die nicht erkennen, daß es am Ende mehr Schaden anrichtet, eine Sache kritiklos zu bejahen, als sie abzulehnen. Denn während offizielle Kunst, als sie restlos akademisch war, zumindest eine Art Herausforderung darstellte, wird diese Art offizieller „moderner“ Kunst den wirklichen Schöpfer nur verwirren, entmutigen 
und davon abbringen.“
Clement Greenberg

Die „falsche Aufhebung von Kunst“ (Peter Bürger) der Nachkriegsmoderne bedeutete die Aufhebung 
(Bewahrung) von Nichtkunst-Kunst im Museum. Der dialektische Prozess von Zerstörung und Hebung von Kunst auf ein neues gesellschaftliches Niveau wurde individualisiert. Schöpferische, kreative Tätigkeit wurde nicht allgemeiner Charakter von Arbeit, sondern das besondere Privileg einer spezialisierten Schicht – der Wirtschaftswunder-Avantgarde.
Die Gesellschaft wurde aus ihrer Verantwortung entlassen – Kunst politisch überfordert. Heute erleben wir so etwas wie die entpolitisierte Ratlosigkeit der Kinder der Wirtschaftswunder-Avantgarde.
Der alte Gegner, akademischer Akademismus, ist tot. Ein spießiger antiakademischer Akademismus bestimmt das Bild gegenwärtiger Ausstellungen und Kunsthochschulen.
Kategorien wie avantgardistische Praxis, Erweiterung des Kunstbegriffs oder die Aufhebung von Kunst und politisches Engagement unterliegen im gegenwärtigen Kunstgeschehen einer nochmaligen Ästhetisierung. Infantile Mitt-Zwanziger historisieren ihre belanglosen Kinderzimmer, lesen aus ihren langweiligen Tagebüchern oder spielen Dienstleistungsunternehmen. (siehe Berlin Biennale, documenta X)
Die humandarwinistisch anmutende Kategorie „junge Kunst“ ist das einzig relevante Unterscheidungskriterium im gegenwärtigen Kunstbetrieb. Humandarwinismus als Ersatz für künstlerische Innovationen. (siehe Artforum Berlin vs. Art Cologne, Berlin Biennale, YBA)
Konzept-Kunst bedeutete die Befreiung der Kunst von der Form. Eine Befreiung, die mittlerweile zu einer morphologischen Doktrin degenerierte und ihren emanzipatorischen Charakter verlor.
Die subversiven Strategien der Dekonstruktion und Offenlegung von Machtstrukturen im Kunstbetrieb durch Kontext-Kunst gehören heute zum guten Ton der repressiven Institutionen selbst. Staatsdiener, Kunstbeamte und Kuratoren erklären wie die Veränderung ausschauen kann (siehe die Veranstaltungsreihe „Spielregeln der Kunst“ in Wien). Die Institution reproduziert ihre Kritiker und erklärt wie Kritik formuliert wird. Scheinbares politisches Engagement ist heute ein ästhetisches Phänomen im Kunstbetrieb. Vorgeblich operative Praktiken reduzieren sich auf zynische Auftragskunst. Das entscheidende Kriterium zur Bewertung operativer Praxis – die politische Diskussion mit dem ernsthaften Ziel der Revolutionierung und Emanzipierung der Gesellschaft wird ausgeklammert. Stattdessen liefern diese Künstler staatstreue Gesellschaftskritik.
Auch einige seriösere Versuche operativer Ästhetik führen heute lediglich die Individualisierung und somit falsche Aufhebung von Kunst fort. Sie imitieren gesellschaftliche Bewegung wo es keine gibt. Ihre Kritiken durchbrechen keinen politischen Konsens sondern bleiben verfassungstreu. Legitime Positionen verkommen damit zum schlechten Gewissen, zur sozialarbeiterischen Auftragskunst.
Was wir heute brauchen ist
die Unmöglichkeit des l’art pour l’art.
Die unmögliche Befreiung der Kunst vom Kontext.
L’art pour l’art als Verweigerungshaltung.
(G.W. Plechanow)
Was wir brauchen ist eine „anarchische Plattform
für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst“
(Andre Breton, Leo Trotzki)
Die totale und schöpferische Negation.
Die produktive Zerstörung.
Freiheit heute, heißt bei Sonnenaufgang
an der Elbe zu stehen.
Zwischen sieben und zehn Uhr,
wenn das Licht am besten ist,
die Augustusbrücke malen.
Die Besetzung konservativer
und marginalisierter Medien.
Die Feldstaffelei – das Bajonett
der neuen Moderne.
Im Morgentau durch die Wiesen
und Wälder Mecklenburgs streifen.
Auf Pappen flüchtige Ölskizzen werfen.
Die derbe Eleganz der Steilküsten Englands
mit reduzierter Farbpalette genießen.
Nackte Frauen in eleganten Posen
in vom Nordlicht erhellten Ateliers malen.
Der gezielte Verkauf von Tafelbildern
zur Finanzierung der Unabhängigkeit vom
offiziellen Diskurs.
Das sind die Freiheiten
des Avantgardisten der Jetztzeit.
Kriterium für die Qualität avantgardistischer Kunst
ist nicht die Form, sondern die Ernsthaftigkeit und
Konsequenz der jeweiligen Haltung.

Lukas Pusch, Berlin/Dresden, Oktober 1998

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