Kunst in Sibirien – Gold in New York.

Novosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands.
Sie ist Zentrum Sibiriens und Hauptstadt der Kriminalität.
Novosibirsk hat 2 Millionen Einwohner, das größte Operngebäude der ehemaligen Sowjetunion, 500 Casinos und eine einzige private Kunstgalerie im Keller eines verkommenen Plattenbaus.
Im ehemaligen Parteipalast der Stadt, heute ein Kunstmuseum, fand von 23. September bis 15. November die 4. Internationale Biennale für zeitgenössische Grafik statt.
Diese Biennale war größer als sonst.
199 Künstler aus 34 Ländern nahmen daran teil.
Über 900 Arbeiten wurden ausgestellt, vier von einer Jury ausgezeichnet.
Es war das sibirische Kunstereignis des Jahres.
Zwei Kuratoren Andrey Martinov und Wladimir Nasanski zeichneten für die Schau verantwortlich.
Was ihnen an Geld und Budget fehlte machten sie mit Einsatz und Enthusiasmus wett.
Die Biennale gliederte sich in nationale Säle.
Die Möglichkeiten zur Teilnahme waren sehr unterschiedlich.
Einige Werke wurden von nationalen Kuratoren ausgewählt. Einzelne Künstler bewarben sich aber auch mit ihren Arbeiten in Novosibirsk und wurden dann von der lokalen Jury beurteilt. Wieder andere wurden direkt von Martinov und Nasanski für die Ausstellung zugelassen.
Dementsprechend unterschiedlich und bunt war auch die Zusammensetzung der Biennalebeiträge.
Für einige Betrachter vielleicht zu bunt. Für andere aber ein Versuch offen zu bleiben und trotz geringer finanzieller Mittel eingefahrene Auswahl- und Bewertungsstrukturen zu unterwandern.
Aber wie soll es mitten in Sibirien auch anders gehen, wenn gerade einmal so viel Geld da ist um den Museumsmitarbeitern ein Leben am Rande des Existenzminimums zu gewährleisten.
Ist es da nicht schon eine große Leistung überhaupt eine internationale Ausstellung auf die Beine zu stellen, einen professionellen Ausstellungskatalog zu produzieren und künstlerische Arbeiten aus Kanada, Deutschland, Frankreich oder Japan gleichberechtigt neben Werken aus Kirgisien, dem Ural, Kasachstan oder Tasmanien in Australien zu präsentieren.
Das Leben in Russland ist heute nicht gerade einfach.
Die Masse der Bevölkerung kämpft einfach ums Überleben.
Was zählt ist das schnelle Geld.
Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer ist seit dem Zerfall der Sowjetunion auf 59 Jahre gesunken.
In Ländern in denen die Menschen sterben bevor sie in Rente gehen ist Kunst und Kultur ein Minderheitenprogramm.
Einer der dies sehr genau verstanden hat ist der Wiener Künstler Lukas Pusch.
Er lebte einige Jahre in Russland und studierte nach den Kunstakademien in Wien und Dresden im berühmten Moskauer Surikow Institut Monumentalmalerei.
Am Tag nach der offiziellen Biennaleeröffnung organisierte Pusch mit Ludmilla Ivashina und Konstantin Skotnikov, Mitglied der Künstlergruppe Blue Noses eine Prozession mit acht von Pusch vor Ort gemalten Bildern durch die Stadt.
Dieses Projekt war die einzige Arbeit die den offiziellen Rahmen der Biennale sprengte.
Pusch malte freie Assoziationen zu Russland mit Titeln wie: „Juri Gagarin – Entwurf für ein zeitgenössisches Monument“, „Birkenwäldchen“, „Denkmal der Eisfischer“, „Tag des Sieges“, „Goethe Institut“ und einige mehr.
Die teilweise großformatigen, mit Dreck, Bitumen und einfacher Wandfarbe gemalten Bilder waren direkt. Die Arbeiten sollten verstanden werden. Sie thematisierten heilige Kühe.
Juri Gagarin. Eine der letzten sowjetischen Ikonen. Der erste Mensch im Weltall. Er wird in Russland bis heute als Held verehrt. Pusch malte ihn als Krüppel. Nackt. Ohne Beine und ohne Arme. Gagarin der symbolisierte Traum einer besseren Zukunft. Der Held eines sozialistischen Märchens von einer besseren Welt. Gagarin steht für den Zenit der Sowjetmacht und mit seinem tragischen Absturztod für den Anfang vom Ende eines Riesenreiches.
„Tag des Sieges“. Der größte russische Feiertag. Der Sieg über Hitler-Deutschland. Jährliche Militärparaden in allen größeren und kleineren Städten Russlands. Aber was sind Militärparaden einer Armee die nicht nur die Nazis besiegte sondern auch den Prager Frühling 68 niederwalzte und heute ganze Städte wie Grosny in Schutt und Asche legt? Demonstrationen militärischer Potenzprothesen. Der salutierende General. Das Panzerrohr als Penisverlängerung.
Die Kunstprozession war nicht angemeldet.
Pusch und Skotnikov hatten auch Angst wegen der Polizei und möglicher Reaktionen der Bevölkerung.
Kunst in Novosibirsk gibt’s im Keller oder im Parteipalast, aber nicht auf der Straße.
Die beiden waren Premiere.
Aber die Angst war unbegründet.
Die Prozession wurde ein Fest.
Dutzende Freunde und Bekannte der Künstler kamen, um die Bilder durch die Stadt zu tragen.
Einige Besucher brachten sogar eigene Werke mit.
Moderne Narodniki.
Peredwischniki der Gegenwart.
Kinder des Futurismus und Kasimir Malewitschs.
Die Reaktionen der Bevölkerung waren großartig.
Viele konnten sich kaum halten vor lachen, gingen spontan mit oder wollten auch die Bilder tragen. Andere empörten sich über die unsittliche Form der Darstellungen und verstanden die Welt nicht mehr.
Aber auch die Presse war überwältigend.
Drei russische TV-Stationen schickten Kamerateams.
Alle größeren Tages- und Wochenzeitungen berichteten, machten Interviews und brachten ganzseitige Aufmacher mit Fotos der Prozession.
Am Abend feierten alle und tanzten pornojazz. 
Zur Prozession ist jetzt in einer kleine, aber sehr gelungene Fotoedition von Lukas Pusch erschienen. Die sehr kleine und exquisite Auflage von 5 Stück enthält neben teilweise bemalten Originalfotos auch einige russische Fundstücke und eine Tuschezeichnung.
Im nächsten Frühjahr findet in Novosibirsk die Exhibition of Contemporary Art „Nahodki“ statt.
Dimitri Puris und Artem Loskutov organisieren die Schau.
In ihrem Pressetext zur Ausstellung, die sich über die ganze Stadt verteilen wird, schreiben sie:
„Usual passers-by will become our spectators.
Streets will become our exhibition halls.
Squares will become our pavilions.
Underground passages will become our museums.“
Es gibt kein Geld für Kunst in Novosibirsk und Sibirien.
Kunst lebt dort einzig und allein von der Kraft und Leidenschaft der Akteure.
Novosibirsk ist Wüste.
Aber es gibt Gold.

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