Ciao Adele, Servus Österreich.
Eigentlich ist es schön.
Großes Kino.
Eine Leidenschaft für die Kunst wie wir sie schon lange nicht mehr erleben durften.
Erregende Bilder.
Botschaften werden angezündet.
Tausende demonstrieren. Es gibt Tote und Verletzte.
Und Auslöser sind ein paar kleine Zeichnungen.
Karikaturen.
Abgedruckt in einem dänischen Provinzblatt.
Aber es ist auch beängstigend.
Es zeigt die unerträgliche Leichtigkeit der Hysterie.
Die Lust am Blutrausch und die Dummheit der Masse.
Fast harmlos nehmen sich da mittlerweile die Aufregungen um die Arbeiten der in Berlin lebenden und in Jugoslawien geborenen Künstlerin Tanja Ostojic aus.
Die Pornoplakate.
Eine zeitgenössische Bearbeitung von Gustave Courbets Meisterwerk „L origine du Monde“ von 1866.
Das gemalte, vaginale Original ist übrigens nackt und hängt im Musee d Orsay in Paris.
Zentral und willig zur genitalen Befriedigung.
Anders bei Tanjas Fotoarbeit.
Der Akt findet hier gerade nicht statt.
Ein Slip mit EU-Fahne versperrt den Blick.
Die Vulva der Künstlerin im Mittelpunkt der Betrachtung und trotzdem deren Verweigerung.
Ein montierter Arc de Cercle.
Die eigentliche Frustration.
Erektion ohne Triebabfuhr.
Komm her, aber du darfst nicht.
Sex mit einer hysterischen Frau.
Mama Europa oder die Unmöglichkeit einer Vereinigung.
Die Aufregung österreichischer Kunst- und Sittenwächter als Ausdruck einer unbefriedigten Penetrationsfantasie.
Aber die Arbeit ist auch Zeichen einer neuen Selbstverständlichkeit.
Eine Serbin in Berlin zitiert das Werk eines französischen Künstlers zur Werbung für die österreichische EU-Ratspräsidentschaft in Wien.
Das ist Europa. Kulturelle Normalität jenseits nationaler Borniertheit.
Drastisch, fröhlich, zensuriert.
Das System Kunst ist schnell.
Privilegierter Vorreiter und geförderter Schein.
Kunst lebt eine internationale Normalität, die sonst noch nicht angekommen ist.
Ciao Adele hieß es dann auf denselben Reklamentafeln, von denen zuvor Tanja Ostojics Arbeiten entfernt wurden.
Adele war der Republik zu teuer.
Stolz waren wir auf das Werk nur als es uns nichts gekostet hat.
Als arisierte Leihgabe des Holocaust.
Es stellt sich die Frage, worauf die sonst so empfindliche österreichische Seele stolz war, als sie die Gemälde in den letzten Jahrzehnten der Öffentlichkeit zeigte.
Adele oder die klammheimliche Freude über die Beute.
Die trotzige Art der Reaktion lässt letzteres vermuten.
Die Kulturnation als verzogenes Kind, das beim Stehlen erwischt wurde.
Wir kaufen jetzt lieber Eurofighter.
Ein Kampfflugzeug bringt uns dem Himmel näher.
Was ist das Blattgold eines Klimt-Schinkens im Verhältnis zu einer Luft/Luft Rakete?
Schall und Rauch.
Servus Österreich.
