Linkshandzeichnungen

„Nach der Zerreißprobe hatte ich
beschlossen, die Reihe meiner
Aktionen zu beenden.“
Günter Brus

„… der Aktionismus war tot.“
Otto Mühl

CRASH

Im September letzten Jahres war alles aus.
Autounfall.
Totalschaden.
Eine komplizierte Fraktur.
Gips und Metallschiene.
Operieren, meinten die Ärzte.
Die Finger der rechten Hand gebrochen.
An Arbeiten nicht zu denken.
Zeichnen oder Malen unmöglich.
In meiner Verzweiflung begann ich mit der linken,
völlig ungewohnten Hand zu arbeiten.
Ein kleiner Versuch der Anpassung an die Wirklichkeit.
Erste Blätter entstanden.
Zeichnungen mit Buntstift auf Papier.
Ich bemühte mich, die linke Hand zu domestizieren.
Es gelang mir aber nicht.
Die Hand machte einfach nicht das, was ich von ihr wollte.
Durch den Verlust an körperlicher Kontrolle wurden aber meine Zeichnungen freier.
Die Arbeiten bekamen etwas Verrücktes.
Verrücktes in einem doppelten Sinn. Die Linien und Schattierungen waren verschoben.
Einfach nicht dort, wo ich dachte. Ihr Duktus anarchischer.
Im Vergleich zu Günther Brus Zerreissprobe können meine Zeichnungen
als ein negativer, umgekehrter Aktionismus bezeichnet werden.
Meine Aktion beginnt dort, wo sie bei Brus und den Wiener Aktionisten aufhört:
in der Einschränkung.
Ich zeichne, wenn es eigentlich nicht mehr geht.
Die in diesem Buch abgebildeten Arbeiten sind eine kleine Auswahl
meiner Linkshandzeichnungen.
Sie wurden im Februar in der Galerie Konzett in Wien gezeigt
und sind heute Teil der Diethardt Collection in Graz.

Lukas Pusch, Wien, April 2008

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