Malevitch-Dialoge.

„Meine Tat war nicht gegen das Bild gerichtet“ verteidigte sich der russische Künstler und Aktionist Alexander Brener vor dem Amsterdamer Strafgericht.
„Ich sehe meine Tat eher als Dialog mit Malevitch“.
Am Morgen des 4. Januar 1997 hatte Brener im Stedelijk Museum of Modern Art ein grünes Dollarzeichen auf Kasimir Malevitchs Gemälde „Suprematismus 1920 – 1927“ gesprüht.
Das Gericht zeigte wenig Verständnis und verurteilte den radikalen russischen Künstler zu zehn Monaten Haft.

„Das westliche System war für uns unbekannt und das sowjetische war zerstört“ erklärt Oleg Kulik über seine Performances bei denen er Mitte der 90-er Jahre als tollwütiger Hund sein Vernissagenpublikum biss.
„Das Einzige, was geblieben war, waren Lebensempfindungen wie Riechen, Sehen, Hören… Es gab keinen Vergleichsmaßstab mehr. Man hat sich wie ein Tier gefühlt.“
Nichts bringt die Situation der damaligen russischen Gesellschaft mehr auf den Punkt als diese beiden Aktionen.
Wie verhaltensauffällige Kinder ohne Grenzen standen plötzlich alle auf der Straße.
Scheidungskinder totalitärerEltern.
Vater Staat im Siechtum erstickt, hatte – nach 70 Jahren Ehe mit Mama Russland – alle im Stich gelassen.
Einfach so.
Die Mutter wurde mit einem anderen im Bett erwischt und die Kinder wurden nicht gefragt.

Der Hass der postsowjetischen Avantgarde und Aktionisten ist jedoch ein anderer als der ihrer westlichen Kollegen.
Der Wiener Aktionismus richtete sich gegen den klassischen Akademismus und den verlogenen bürgerlichen Mief der Nachkriegsjahre.
Die Zerstörung des Tafelbildes.
Er versuchte die Aufhebung der Kunst im Leben und scheiterte am konsequentesten in der Mühl-Kommune.
Das war der Aufstand der vaterlosen Söhne und der Traum von einer besseren Welt im Kampf gegen die illusionistische Zentralperspektive.
Kriegskinder als überforderte Ersatzliebhaber ihrer frustrierten Mütter.

Die russische Avantgarde kommt aus einem Land, in dem die Zukunft bereits gelebt wurde.
Kunst im „Gesamtkunstwerk Stalin“ war akademisch und fröhlich.
Die Regeln waren klar und der Sieg gewiss.
Die futuristisch-konstruktivistischen Experimente und Utopien der Oktoberrevolution waren überwunden, weil sie gesellschaftliche Realität wurden.
Die Zukunft war die Gegenwart, Sozialismus halluzinierte Wirklichkeit und der Kommunismus nicht mehr weit.
Die Kindheit der postsowjetischen Avantgarde war schön.
Trotz der gelegentlichen Prügel, liebten die Künstler ihre Eltern.
Breners Dialog mit Malevitch ist der Dialog mit dem suprematistischen Übervater der russischen Moderne.
In diesem Dialog liegt aber auch eine Anklage und Ausdruck einer Sehnsucht.
Eine Anklage gegen die nicht eingelöste Heilsversprechung und die hoffnungslose Sehnsucht nach einer Alternative.
Ähnlich, nur anders bewaffnet, die russische Künstlergruppe „Blue Noses“.
Sie lachen Papa Malevitch einfach aus.
Das Pathos weicht unbefangener Heiterkeit.
Das „Schwarze Quadrat“versus „Suprematism Sex“.
Die Spraydose ersetzt durch Selbstironie.
Der sibirische Künstler Sergey Bespamjatnykh hat einen eigenen Weg gefunden.
Er ummalt Malevitch und die Moderne.
Eine Moderne, die ihre Unschuld verloren hat.
Ein wackeliges schwarzes Quadrat auf einer stilisierten Matreshka Figur.
Der romantische Versuch eines neuen Bildes.
Die gemalte Utopie nach dem Ende der Zukunft.
Kraftvoll und bescheiden zugleich.
Bespamyatnykh, ein Pilot in einen neuen Kosmos.

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